Die Spachtel macht ein Geräusch, wenn sie über die grundierte Leinwand zieht, ein kurzes, trockenes Schaben, und dann liegt da ein Hügel aus Farbe, der noch glänzt. Mehr ist am ersten Tag oft nicht. Eine Insel, vielleicht eine zweite, pastos aufgetragen, millimeterhoch, mit Rändern, die ich nicht glattstreiche. Alles Weitere muss warten.
Die kurze Antwort auf die Frage „Wie entsteht ein abstraktes Bild?“ lautet bei mir: in zwei getrennten Phasen, zuerst die pastos gespachtelten Farbinseln aus Acryl, die Tage brauchen, um durchzutrocknen, danach die feine Fineliner-Linie, die sich in die Flächen einschreibt wie ein Nervensystem. Am Ende stehen Signatur, Werknummer und Echtheitszertifikat.
Wie entsteht ein abstraktes Bild: zuerst die gespachtelte Farbinsel
Ich beginne mit Farbe, nie mit Linie. Das Acryl kommt pastos auf die Leinwand, mit der Spachtel geschoben und manchmal wieder abgehoben, bis eine Insel steht, die eine eigene Höhe hat. Ich arbeite nicht flächendeckend. Zwischen den Inseln bleibt Grund, und dieser Grund ist später genauso Bild wie die Farbe darauf.
Dann warte ich. Pastos aufgetragenes Acryl trocknet außen schnell und innen langsam; ein Hügel, der sich nach einer Stunde trocken anfühlt, kann unter der Haut noch weich sein. Deshalb liegen die Leinwände nach dem Spachteln Tage im Atelier, bevor ich sie wieder anfasse. Ich sehe sie jeden Tag im Vorbeigehen, und meistens entscheidet sich dabei, wo die Linie später hinwill.
Die Linie zieht ein: Fineliner wie ein Nervensystem
Wenn die Farbe durchgetrocknet ist, wechselt das Werkzeug. Statt der Spachtel ein Fineliner, dünn, mit einer Spitze, die auf dem glatten Acryl kaum Widerstand findet und an den Kanten der Inseln kurz springt. Die Linie läuft über die Inseln und in sie hinein, legt sich um eine Erhebung, folgt ihr ein Stück und verlässt sie wieder. Sie verbindet, was die Spachtel getrennt hat.
Für diese Linie habe ich nur ein Bild gefunden, das passt: ein Nervensystem. Sie schreibt sich in die Farbe ein, überall vorhanden und nirgends im Mittelpunkt.
Von nahem sieht man auch, warum ein Druck diese Bilder nicht wiedergeben kann. Die Linie hat eine Kante. Am Nachmittag, wenn das Licht flach durchs Atelierfenster fällt, wirft sie auf den Spachtelhügeln winzige Schatten. Warum ich auf dieser Handarbeit bestehe, habe ich in „Original statt Algorithmus“ aufgeschrieben.
Augen und Spiralen: was die Zeichen in meinen Bildern bedeuten
Irgendwann setzt die Linie ein Auge. Es sitzt in einer Farbinsel oder an ihrem Rand, manchmal unter Spirallocken, manchmal in einem Ring aus getuschten Jahresringen. Das Auge steht in meinen Arbeiten für Bewusstsein, für die Stelle im Bild, die zurückschaut. Die Spirale, die sich daneben dreht, ist ein Energiezentrum, ein Ort, an dem sich etwas sammelt oder löst.
Diese Bildsprache stammt aus meinen Aquarellen von 2021. Dort war sie Tusche auf Papier; auf der Leinwand trifft sie auf Relief und muss über Höhen und durch Täler. Wie sich meine Malerei zwischen Öl, Aquarell und Acryl verändert hat, steht in meinem Beitrag über die drei Schaffensperioden.
Schaffenswellen und Pausen: der Rhythmus im Atelier
Ich male nicht jeden Tag. Meine Arbeit kommt in Wellen: Phasen, in denen mehrere Leinwände gleichzeitig im Atelier liegen, eine trocknet, eine wartet auf die Linie, und dann wieder Zeiten, in denen lange nichts entsteht. Die Pausen gehören zur Methode, auch wenn sie sich von innen selten so anfühlen. Die Farbinseln brauchen ihre Trocknung, und ich brauche meine.
Die Acryl-&-Fineliner-Arbeiten gehören in die Jahre 2021 und 2022, und innerhalb dieser Zeit wurden die Formate größer, von 20 × 20 cm bis 60 × 80 cm. Die Linie blieb dieselbe. Nur der Raum, den sie durchziehen durfte, wuchs mit.
Signatur, Werknummer, Zertifikat: wann ein Bild fertig ist
Ein abstraktes Bild ist fertig, wenn ich beim Hinsehen nichts mehr ändern will. Erst dann signiere ich. Jedes Werk bekommt eine eindeutige Werknummer und ein Echtheitszertifikat, auf dem Titel, Technik, Maße und Entstehungsjahr stehen. Mit dem Zertifikat gebe ich das Bild aus der Hand und stehe dafür ein.
Wie das Ergebnis aussieht, zeigt zum Beispiel „Beobachtet“, 40 × 50 cm, mit seinen großen getuschten Augen in einer rosa Wolke auf petrolgrünem Grund: ein Bild aus genau diesem Ablauf, gespachtelt, getrocknet, gezeichnet, signiert. Weitere Arbeiten dieser Phase finden Sie in der Kategorie Acrylgemälde.
Häufige Fragen zur Entstehung eines abstrakten Bildes
Wie lange dauert es, ein abstraktes Bild zu malen?
Eine feste Zahl gibt es bei mir nicht. Die gespachtelten Farbinseln brauchen Tage, um durchzutrocknen, bevor die Linie darüber kann, und die Zeichnung selbst entsteht in mehreren Sitzungen. Dazu kommen die Pausen zwischen den Schaffenswellen, die zur Arbeit gehören.
Welche Technik steckt hinter Acryl und Fineliner?
Acrylfarbe wird pastos mit der Spachtel aufgetragen und bildet erhabene Farbinseln auf der Leinwand. Nach dem Durchtrocknen zeichne ich mit einem Fineliner feine Tuschelinien über und zwischen die Flächen. Beide Schichten bleiben sichtbar: das Relief der Farbe und die Kante der Linie.
Muss Acrylfarbe trocken sein, bevor man mit Fineliner darüber zeichnet?
Ja, vollständig. Pastos aufgetragenes Acryl ist außen schnell trocken, innen aber länger weich; wer zu früh zeichnet, beschädigt die Oberfläche. Ich lasse meine Leinwände deshalb mehrere Tage liegen.
Was bedeuten die Augen und Spiralen in abstrakten Bildern?
In meinen Arbeiten steht das Auge für Bewusstsein und die Spirale für ein Energiezentrum. Beide Zeichen stammen aus meinen Aquarellen von 2021 und sind in den Acryl-&-Fineliner-Bildern auf die Leinwand übersetzt. Eine allgemeingültige Lesart gibt es nicht.
Woran erkenne ich, dass ein abstraktes Bild fertig und echt ist?
Fertig ist ein Bild, wenn die Künstlerin es signiert. Bei mir erhält jedes Werk zusätzlich eine eindeutige Werknummer und ein Echtheitszertifikat mit Titel, Technik, Maßen und Jahr. Beim Kauf direkt aus dem Atelier bekommen Sie beides aus erster Hand.
Wenn Sie ein Bild aus diesem Ablauf bei sich haben möchten: Alle Arbeiten bis 1.500 Euro lassen sich direkt im Shop bestellen, versichert und innerhalb Deutschlands kostenlos verschickt. Für die größeren Formate, etwa die 60 × 80 cm großen Leinwände von 2022, schreiben Sie mir über die Sammler-Anfrage, dann verabreden wir einen Termin im Atelier in Köln-Sürth.
Marcela Margret Kamanis (ehem. Kozlik)