Im Atelier steht ein Stuhl, der nicht zum Malen da ist. Manchmal sitze ich dort eine halbe Stunde vor einem Bild, das längst fertig ist. Nichts passiert. Und doch verschiebt sich etwas, in der Fläche und in mir. Dass Kunst beruhigt, hielt ich lange für eine Erfahrung ohne Erklärung. Inzwischen sieht die Forschung dieser Wirkung von Kunst auf die Psyche ziemlich genau zu.
Vorweg das Wesentliche: Abstrakte Kunst beruhigt, weil ein Bild ohne erkennbaren Gegenstand den Blick freigibt, statt ihn festzuhalten, und das Gehirn dabei in eine mühelose Aufmerksamkeit wechselt, die die Psychologie als erholsam beschreibt. Studien zeigen, dass schon ein kurzer Aufenthalt vor Kunst messbar Stress senkt und dass bewegende Werke jene Hirnregionen ansprechen, in denen wir über uns selbst nachdenken.
Was passiert im Gehirn, wenn wir ein Bild betrachten?
Ein Team um Edward Vessel an der New York University hat 2012 sechzehn Menschen im Kernspintomografen 109 Gemälde gezeigt und nach jedem Bild fragen lassen, wie stark es sie bewegt. Bei den meisten Bildern blieb das sogenannte Ruhezustandsnetzwerk des Gehirns gedämpft, jene Regionen, die arbeiten, wenn wir an uns selbst denken oder abschweifen. Nur bei den Werken, die die Betrachter als am stärksten bewegend einstuften, wurde es aktiv, zeitgleich mit den Sehzentren.
Ein Bild, das uns wirklich erreicht, landet demnach in derselben Region, in der wir über uns selbst nachdenken. Vor manchen Bildern hört man auf, etwas zu suchen, und fängt an, etwas zu finden.
Kunst beruhigt: was eine Mittagspause in der Galerie mit dem Stresshormon macht
Ein Team um die Psychologin Angela Clow von der University of Westminster bat 2006 achtundzwanzig Londoner Angestellte, ihre Mittagspause in der Guildhall Art Gallery zu verbringen. Das Cortisol im Speichel, das Hormon, das der Körper unter Anspannung ausschüttet, war nach dem Besuch deutlich gesunken, und die Teilnehmer fühlten sich weniger gestresst. Eine kleine Studie, aber sie beschreibt etwas, das jeder kennt, der je an einem schlechten Tag in ein Museum geflüchtet ist.
An einer Stelle muss ich ehrlich bleiben. Eine Arbeitsgruppe um Stefano Mastandrea an der Universität Roma Tre hat 2019 den Blutdruck von Museumsbesucherinnen gemessen und fand die Senkung nur vor gegenständlicher Malerei; vor moderner Kunst blieb er, wie er war. Abstrakte Bilder bieten kein vertrautes Motiv, an dem sich der Körper festhalten kann. Ihre Ruhe kommt woanders her, und dafür gibt es eine ältere, brauchbare Theorie.
Warum gerade abstrakte Kunst entspannt: die weiche Faszination
Stephen und Rachel Kaplan, Umweltpsychologen an der University of Michigan, haben ab den 1980er-Jahren beschrieben, warum uns ein Waldspaziergang erholt. Ihre Theorie der Aufmerksamkeitserholung unterscheidet zwei Arten des Hinsehens. Die gerichtete Aufmerksamkeit, mit der wir arbeiten und den Verkehr im Blick behalten, ermüdet. Die weiche Faszination dagegen, das absichtslose Verfolgen von Wolken oder Wellen, verlangt nichts und füllt den Speicher wieder auf. 1993 übertrug Kaplan das Konzept mit Kolleginnen auf das Museum.
Ein abstraktes Bild ist für mich ein Stück dieser weichen Faszination an der Wand. Es stellt keine Aufgabe. Niemand muss erkennen, was es zeigt, und weil es nichts zu erkennen gibt, darf der Blick wandern und zurückkehren. In meinen Acrylbildern legen sich die Fineliner-Linien über die gespachtelten Farbinseln wie ein Nervensystem, und wer ihnen eine Weile folgt, ist irgendwo angekommen, wo er gar nicht hinwollte.
Wie lange sollte man ein Bild ansehen?
Im Art Institute of Chicago haben Lisa Smith, Jeffrey Smith und Pablo Tinio 2017 gemessen, wie lange Besucher vor einem Kunstwerk stehen bleiben. Im Mittel waren es knapp 29 Sekunden, die Hälfte ging nach 21 Sekunden weiter. Das ist wenig Zeit für etwas, das Monate gebraucht hat.
Zu Hause ist das anders, und darin liegt für mich der eigentliche Grund, ein Original zu besitzen, statt es zu besuchen. Morgens fällt das Licht flach von der Seite, und die millimeterhoch gespachtelten Bahnen werfen winzige Schatten in die Fläche. Am Nachmittag ist das Relief fast verschwunden, dafür leuchtet eine Farbinsel auf, die vorher stumm war. Wer das zum fünften Mal gesehen hat, sieht beim sechsten Mal zum ersten Mal richtig hin. Das ist langsames Sehen: ein Wiedersehen, das sich von allein ergibt.
Welche Bilder beruhigen? Zwei Werke aus dem Atelier
Nicht alle meine Bilder sind ruhig. Zwei aber sind es. „Die Ruhende“ ist ein kleines Quadrat, 25 × 25 cm: eine langgestreckte helle Form, gebettet auf Rosé und Orange, daneben eine große getuschte Spirale, die sich abgelegt hat wie ein schlafendes Rad, alles gehalten von einem seegrünen Grund. Sie kostet 590 Euro. „Sanfter Sog“, 60 × 80 cm, ist eine einzige große Bewegung: Weiß, Karamell und Koralle kreisen in weichen Bahnen über helles Blau und münden in eine graue Kugel, die in der Mitte ruht wie ein Stein im Strudel. Kein Fineliner diesmal, nur der Pinsel; mit 1.650 Euro gebe ich dieses Werk nur auf Anfrage ab.
Was die Farben dabei tun, steht in meinem Beitrag zur Farbpsychologie; wie ein Bild einen Raum verändert, in einem anderen. Hier ging es mir um den Akt des Hinsehens selbst.
Häufige Fragen zur beruhigenden Wirkung von Kunst
Warum beruhigt uns Kunst?
Kunst beruhigt, weil sie dem Blick etwas gibt, das keine Aufgabe stellt. Die Umweltpsychologie nennt das weiche Faszination: eine mühelose Aufmerksamkeit, in der sich die ermüdete gerichtete Aufmerksamkeit erholt.
Was passiert im Gehirn, wenn wir ein Bild lange betrachten?
Bei Bildern, die uns stark bewegen, wird neben den Sehzentren das Ruhezustandsnetzwerk aktiv, also die Regionen, die mit dem Nachdenken über uns selbst zu tun haben. Das hat ein Team der New York University 2012 im Kernspintomografen gezeigt.
Hilft Kunst gegen Stress?
Ja, in kleinen Studien messbar. Londoner Angestellte, die 2006 ihre Mittagspause in einer Galerie verbrachten, hatten danach niedrigere Cortisolwerte und fühlten sich weniger gestresst. Eine römische Untersuchung von 2019 fand einen gesenkten Blutdruck allerdings nur vor gegenständlicher Kunst.
Wie lange sollte man ein Bild betrachten?
Länger als im Museum üblich. Dort bleiben Besucher im Schnitt unter einer halben Minute vor einem Werk stehen. Zu Hause sammelt ein Original über Wochen Blicke in wechselndem Licht, und meist zeigt es erst nach mehreren Begegnungen, was es kann.
Wenn Sie ein Bild suchen, vor dem Sie sitzen können, schauen Sie sich in meinem Shop um; Werke unter 1.500 Euro können Sie dort direkt bestellen. Für die größeren Formate schreiben Sie mir, dann finden wir einen Termin im Atelier in Köln-Sürth – der Stuhl steht schon da.
Marcela Margret Kamanis (ehem. Kozlik)
Quellen
- Clow, A. & Fredhoi, C.: Normalisation of salivary cortisol levels and self-report stress by a brief lunchtime visit to an art gallery by London City workers. University of Westminster, Journal of Holistic Healthcare, 2006. westminsterresearch.westminster.ac.uk
- Vessel, E. A., Starr, G. G. & Rubin, N.: The brain on art: intense aesthetic experience activates the default mode network. New York University, Frontiers in Human Neuroscience, 2012. frontiersin.org
- Kaplan, S.: The restorative benefits of nature: Toward an integrative framework. University of Michigan, Journal of Environmental Psychology, 1995. doi.org/10.1016/0272-4944(95)90001-2 · Kaplan, S., Bardwell, L. V. & Slakter, D. B.: The museum as a restorative environment. Environment and Behavior, 1993. deepblue.lib.umich.edu
- Mastandrea, S., Fagioli, S. & Biasi, V.: Art and psychological well-being: linking the brain to the aesthetic emotion. Roma Tre University, Frontiers in Psychology, 2019. frontiersin.org
- Smith, L. F., Smith, J. K. & Tinio, P. P. L.: Time spent viewing art and reading labels. University of Otago / Montclair State University, Psychology of Aesthetics, Creativity, and the Arts, 2017. digitalcommons.montclair.edu